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Pflanze Details
Die Vogel-Nestwurz (Neottia nidus-avis) ist eine Pflanzenart aus der Gattung der Nestwurzen (Neottia) in der Familie der Orchideen (Orchidaceae). Sie ist blattgrĂŒnlos und kommt in fast ganz Europa vor. Der Name geht auf die vogelnestartige Form des Wurzelstocks zurĂŒck.
Um auf die besondere GefÀhrdung dieser Art aufmerksam zu machen, wurde die Vogel-Nestwurz vom Arbeitskreis Heimische Orchideen zur Orchidee des Jahres 2002 gewÀhlt.
Die Vogel-Nestwurz ist eine ausdauernde krautige Pflanze und erreicht Wuchshöhen von 20 bis 35, selten bis 60 Zentimetern. Alle Pflanzenteile sind gewöhnlich gelblich-braun, an Eichenholz erinnernd. Die Grundachse ist krĂ€ftig, walzlich, horizontal. Das kriechende Rhizom ist mit zahlreichen, verdickten Fasern besetzt, an deren Enden sich Adventivknospen bilden können, aus denen spĂ€ter oberirdische Triebe wachsen. Die zahlreichen Wurzeln sind fleischig und miteinander verflochten, nestartig angeordnet und ohne Wurzelhaare. Der StĂ€ngel ist dick, aufrecht, gerillt, ledergelb bis hellbraun, kahl oder oberwĂ€rts mehr oder weniger drĂŒsenhaarig, mit vier bis fĂŒnf anliegenden SchuppenblĂ€ttern. Die SchuppenblĂ€tter sind meist scheidenartig, lanzettlich. Die SchuppenblĂ€tter können sich gelegentlich zu einer echten Spreite ausbilden.
Der BlĂŒtenstand ist reichblĂŒtig, oft verlĂ€ngert, am Grunde meist locker, die untersten BlĂŒten stehen jedoch zuweilen entfernt, oberwĂ€rts dicht. Die TragblĂ€tter sind linealisch-lanzettlich, zugespitzt, ungefĂ€hr halb so lang wie der kahle oder drĂŒsig-behaarte, gestielte Fruchtknoten, dessen Stiel gedreht ist.
Die zwittrigen BlĂŒten sind zygomorph, dreizĂ€hlig, mittelgroĂ, aufrecht, nach Honig duftend, braun, hellbraun oder hellgraubraun. Die PerigonblĂ€tter neigen fast helmförmig zusammen; die Ă€uĂeren sind ziemlich gleich gestaltet, halbkugelig abstehend, vorn zuweilen etwas kerbig gezĂ€hnt, die seitlichen inneren etwas schmaler, am Grunde ein wenig keilförmig. Das Labellum ist etwas lĂ€nger als die ĂŒbrigen PerigonblĂ€tter (0,5 bis 1,2 Zentimeter lang), am Grunde etwas sackartig ausgehöhlt, abstehend, nach der Spitze zu in zwei seitlich spreizende, fast halbmondförmige, vorn oft gezĂ€hnelte Lappen gespalten. Am Ansatz des Labellums finden sich feine NektardrĂŒsen. Das SĂ€ulchen steht fast rechtwinklig zum Labellum, ist ziemlich lang und fast walzlich gestaltet. Der herzförmige und zweifĂ€chrige Staubbeutel steht auf der SĂ€ule leicht nach hinten versetzt. Die vier darin enthaltenen Pollenmassen sind hellgelb und pulverig und angeheftet an eine ausgesprochen kleine, wĂ€ssrig glĂ€nzende Klebscheibe.
Die Kapselfrucht ist oval, mit sechs wulstigen Kanten, kahl oder mehr oder weniger drĂŒsenhaarig.
Die BlĂŒtezeit ist Mai bis Juli. Fruchtreife ist von August bis Oktober.
Die Chromosomenzahl betrÀgt 2n = 36.
Die Pflanze lebt mykoheterotroph und betreibt keine Photosynthese. Ihre 15 bis 20 ”m langen Plastiden sind â soweit sie nicht der StĂ€rkespeicherung dienen â spindelförmig, dabei nur etwa 1,5 ”m breit und enthalten teilweise ausgedehnte Thylakoide.
Die Vogel-Nestwurz ist ein sogenannter Vollschmarotzer (Holoparasit). Sie ist fast ohne Chlorophyll, und auch ihre Spaltöffnungen sind spĂ€rlich und funktionslos. Ein Pflanzenexemplar benötigt von der Keimung bis zur BlĂŒhreife etwa neun Jahre. Nach der BlĂŒtezeit zerfĂ€llt das Rhizom oft von der Mitte her, und es entwickeln sich von randstĂ€ndigen Wurzeln ausgehende Tochterpflanzen, die dann nach einigen Jahren zur BlĂŒhreife gelangen. Wurzelhaare fehlen, stattdessen versorgt der Pilz die Pflanze vollstĂ€ndig mit Wasser, NĂ€hrsalzen und Assimilaten; es liegt also eine Myko-Heterotrophie vor. Die Ă€uĂeren Schichten der Wurzelrinde besitzen Pilzhyphen im Zellinneren, es handelt sich also um eine endotrophe Mykorrhiza des Orchideen-Typs; in den weiter innen gelegenen Schichten werden die Pilzhyphen verdaut. Die Pflanze ist also kein Saprophyt, sondern sie parasitiert auf dem Pilz. Da dieser gleichzeitig als ektotropher Mykorrhiza-Pilz in Kontakt mit den Baumwurzeln, z. B. von Buchen steht, stammen die organischen Verbindungen letztlich von den BĂ€umen; man spricht hier von Epiparasitismus.
Die vormĂ€nnlichen BlĂŒten sind unscheinbare, nach Honig duftende âLippenblumenâ vom Orchideen-Typ. Ein Sporn fehlt, das Nektarium befindet sich in einer sackförmigen Ausbuchtung des hinteren Teils der Lippe. Der pulverförmige Pollen ist wenig zusammenhĂ€ngend. Am Rostellum beschmieren sich die BestĂ€uber, besonders Fliegen, mit der Klebmasse eines hier abgegebenen Leimtropfens, mit deren Hilfe der Pollen an den Tieren haften bleibt. SelbstbestĂ€ubung erfolgt durch Pollen, der auf die Narbe herab fĂ€llt. Die Pflanze ist auch kleistogam und blĂŒht und fruchtet dann unterirdisch oder geokarp.
Die FrĂŒchte sind Kapseln, die sich im trockenen Zustand durch LĂ€ngsspalten öffnen und als Wind- und Tierstreuer fungieren. Vertrocknete FruchtstĂ€ngel bleiben oft jahrelang erhalten. Die winzigen, lĂ€nglichen Samen sind Körnchenflieger.
Vegetative Vermehrung erfolgt durch die an den Enden der Wurzeln gebildeten Sprosse.
Die Vogel-Nestwurz ist mit Ausnahme des nördlichsten Skandinaviens in ganz Europa heimisch, strahlt aber weit nach Russland und in den Kaukasusraum bis zum Iran aus. Sie kommt auĂerdem in Nordwestafrika vor. In Europa kommt sie in fast allen LĂ€ndern vor und fehlt nur in Spanien, Island und Moldau.
Die Vogel-Nestwurz gedeiht meist in schattigen, nĂ€hrstoffreichen Buchen- und LaubmischwĂ€ldern. Sie ist eine Charakterart des Carici-Fagetum, kommt aber auch in anderen Pflanzengesellschaften der VerbĂ€nde Fagion oder Carpinion vor. In den Alpen steigt sie bis in eine Höhenlage von 1500 Meter auf. In den AllgĂ€uer Alpen steigt sie im Tiroler Teil am HĂŒttenwald nahe der Petersberg-Alpe im Hinterhornbachtal bis in eine Höhenlage von 1400 Meter auf. Nach Baumann und KĂŒnkele hat die Vogel-Nestwurz in den AlpenlĂ€ndern folgende Höhengrenzen: Deutschland 20 bis 1440 Meter, Frankreich 500 bis 1970 Meter, Schweiz 390 bis 1720 Meter, Liechtenstein 430 bis 1600 Meter, Ăsterreich 200 bis 1650 Meter, Italien 10 bis 1900 Meter, Slowenien 170 bis 1440 Meter. In Europa steigt die Vogel-Nestwurz in Albanien bis 2200 Meter auf, im Iran bis 2400 Meter.
Die ökologischen Zeigerwerte nach Landolt & al. 2010 sind in der Schweiz: Feuchtezahl F = 3 (mĂ€Ăig feucht), Lichtzahl L = 1 (sehr schattig), Reaktionszahl R = 4 (neutral bis basisch), Temperaturzahl T = 3+ (unter-montan und ober-kollin), NĂ€hrstoffzahl N = 3 (mĂ€Ăig nĂ€hrstoffarm bis mĂ€Ăig nĂ€hrstoffreich), KontinentalitĂ€tszahl K = 3 (subozeanisch bis subkontinental).
In Deutschland wird sie vom SĂŒden zum Norden hin seltener. Im Lauf des 20. Jahrhunderts ging die Vogel-Nestwurz in Deutschland vor allem durch eine intensive Waldwirtschaft zurĂŒck. Regional ist sie hier gefĂ€hrdet.
Die Vogel-Nestwurz ist in Deutschland durch die BArtSchV besonders geschĂŒtzt.
Diese Art ist bereits seit vorlinneischer Zeit bekannt und wurde durch Carl von LinnĂ© 1753 als Ophrys nidus-avis validiert. Louis Claude Marie Richard ĂŒberstellte diese Art 1817 unter dem Namen Neottia nidus-avis in De Orchideis Europaeis Annotationes S. 37 in die Gattung Neottia. Gattungs- und Artname (ersteres Griechisch, letzteres Latein) sind gleichbedeutend und bedeuten auf Deutsch â(Vogel-)Nestwurzâ.
Die von Vladimir Komarov 1901 beschriebene VarietÀt Neottia nidus-avis var. manshurica wird nicht mehr anerkannt und stattdessen mit der Art Neottia papilligera synonymisiert.
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