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Gebirge Karte: Kraichgau

Gebirge Lage und Zugehörigkeit

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Gebirge Informationen zur Gebirgsgruppe: Kraichgau

Informationen zur Lage und Bezeichnung:


ausführliche Beschreibung:

Der Kraichgau ist eine HĂŒgellandschaft im Nordwesten von Baden-WĂŒrttemberg.

Geographie

Die Landschaft des Kraichgaus im nordwestlichen Baden-WĂŒrttemberg wird begrenzt vom Odenwald im Norden, dem Schwarzwald im SĂŒden sowie der Oberrheinischen Tiefebene im Westen. Im Osten wird der Kraichgau von den HöhenzĂŒgen des Stromberg und Heuchelberg zum ZabergĂ€u abgegrenzt. Die GesamtflĂ€che des Gebiets erstreckt sich ĂŒber 1630 kmÂČ. Im Nordosten geht er mit Erreichen des Neckars in Bauland und Unterland ĂŒber, im SĂŒdosten mit Erreichen der Enz in das HeckengĂ€u. Das Gebiet des Kraichgaus erstreckt sich auf Teile der Landkreise Karlsruhe, Heilbronn, Enzkreis, Rhein-Neckar-Kreis und Neckar-Odenwald-Kreis.

Die grĂ¶ĂŸten StĂ€dte des Kraichgaus sind Sinsheim, Eppingen, Bad Rappenau, Bretten und Bruchsal. Kennzeichnend ist jedoch die Vielzahl ĂŒberwiegend bereits im Mittelalter besiedelter Dörfer inmitten der HĂŒgellandschaft. Zu den vorgenannten fĂŒnf StĂ€dten gehören alleine schon ĂŒber 40 solcher Dörfer. Weitere grĂ¶ĂŸere Orte sind Dielheim, MĂŒhlhausen, Knittlingen, Oberderdingen, Östringen, Rauenberg, Waibstadt und Schwaigern sowie die Gemeinden Angelbachtal, Walzbachtal, Pfinztal und die Stadt Kraichtal, die aus der Fusion vieler kleinerer Dörfer entstanden.

Die bedeutendsten FließgewĂ€sser in dieser Landschaft sind der Kraichbach, der bei Sternenfels im Enzkreis entspringt, dann in Richtung Nordwesten fließt und bei Ketsch in den Rhein mĂŒndet, sowie die Elsenz, welche beim gleichnamigen Dorf in der NĂ€he von Eppingen entspringt und bei NeckargemĂŒnd in den Neckar mĂŒndet. Weitere wichtige GewĂ€sser sind im westlichen Teil Pfinz, Saalbach und Leimbach, im Osten Lein und Schwarzbach.

Der Kraichgau ist im Grunde eine tiefe Mulde, die zwischen Odenwald und Schwarzwald einsank, als diese Gebirge sich im TertiĂ€r vor etwa 65 Millionen Jahren anhoben und zwischen sich und den westlicher gelegenen Vogesen und dem PfĂ€lzerwald die heutige Oberrheinische Tiefebene bildeten. Aus dem Oberrheingraben wurden im Eiszeitalter bedeutende Mengen Löss als Schluff ausgeblasen und im Kraichgau wieder abgelagert. Mit bis zu ĂŒber 30 Metern Dicke erreicht der Löss im Kraichgau seine grĂ¶ĂŸte MĂ€chtigkeit in Deutschland. Der Löss und die daraus entstandenen fruchtbaren Böden sind Grundlage fĂŒr den intensiven Ackerbau, der die Region bis heute prĂ€gt. Aufgrund des relativ milden Klimas wird der Kraichgau hĂ€ufig – Ă€hnlich dem MarkgrĂ€flerland – als badische Toskana bezeichnet.

Die höchste Erhebung im Kraichgau ist der Burgberg der Burg Steinsberg bei Sinsheim-Weiler mit 333 m ĂŒber NN. Der Bergfried der Burg wird auch als Kompass des Kraichgaus bezeichnet. Als eine der markantesten Kirchen des nördlichen Kraichgau gilt die katholische Stadtpfarrkirche Unserer lieben Frau in Waibstadt, deren 65 m hoher Turm weithin sichtbar ist und die als Dom des Kraichgaus bezeichnet wird.

NaturrÀumliche Gliederung

Der Kraichgau ist naturrĂ€umlich in der Systematik des Handbuchs der naturrĂ€umlichen Gliederung Deutschlands die Haupteinheit 125 der mit Neckar- und Tauber-GĂ€uplatten (Haupteinheitengruppe 12) der SchwĂ€bischen GĂ€ue, die zusammen mit den FrĂ€nkischen GĂ€uen eine Großregion 3. Ordnung bildet, die ihrerseits Teil der Großregion 2. Ordnung des SĂŒdwestdeutschen Schichtstufenlandes darstellt.

Der Kraichgau gliedert sich wie folgt in Teillandschaften:

  • (zu 12 Neckar- und Tauber-GĂ€uplatten)
    • 125 Kraichgau
      • 125.1 Lein-Elsenz-HĂŒgelland
        • 125.11 Gartacher Feld
        • 125.12 LeinbachgĂ€u
        • 125.13 Eppinger GĂ€u
        • 125.14 Neckarbischofsheimer Höhen
        • 125.15 Eichelbergvorland
        • 125.16 Eichelberg
        • 125.17 SchwarzbachgĂ€u
        • 125.18 AngelbachgĂ€u
      • 125.2 Kraich-Saalbach-HĂŒgelland (KorngĂ€uplatte)
        • 125.21 Bruchsaler RandhĂŒgel
        • 125.22 Brettener HĂŒgelland
        • 125.23 Derdinger HĂŒgelstreifen
        • 125.24 siehe 125.33
        • 125.25 Strombergvorland
      • 125.3 PfinzhĂŒgelland (HeckengĂ€u)
        • 125.30 Westlicher Pfinzgau
        • 125.31 Pfinz-Alb-Platte
        • 125.32 Östlicher Pfinzgau
        • 125.33 (= 125.24 auf dem Ă€lteren Blatt Karlsruhe) Bauschlotter Platte
        • 125.34 Pforzheimer Enztal
      • 125.4 Mingolsheim-Wieslocher Bucht
        • 125.41 Rauenberger Bucht
        • 125.42 Letzenberg
        • 125.43 Rettigheimer Bucht

Namensherkunft

Die Bezeichnung Kraichgau fĂŒr das heutige Gesamtgebiet ist neuzeitlichen Ursprungs. UrsprĂŒnglich bezog sich der Name nur auf den Teil des heute weiter verstandenen Kraichgaues, der zum Einzugsgebiet des Kraichbaches gehörte, teilweise auch auf Orte an Waldangelbach und Saalbach. Die ĂŒbrigen Gebiete gehörten zum Elsenzgau, zum Pfinzgau oder zum Gartachgau. Orte im Bereich des Leimbaches wurden zum Lobdengau gerechnet, fĂŒr das Einzugsgebiet der Saalbach wurde auch der Begriff Salzgau verwendet.

Im FrĂŒhmittelalter wird der damals noch enger verstandene Kraichgau im Lorscher Codex zum ersten Mal urkundlich als Creichgowe (769), spĂ€ter auch als Chrehgauui (773) oder Craichgoia (778), erwĂ€hnt. Eine wesentlich spĂ€tere Namensform ist Kreuchgau (1594).

Kraichbach wird gedeutet als „gewundener Bach“; Kraich leitet sich ab von germanischen Wörtern, die Biegungen, Buchten, KrĂŒmmungen oder Windungen bezeichnen. Der Begriff Gau bezeichnet ein offenes, waldfreies Gebiet und insbesondere auch von Ackerbau bestimmte Landschaften.

Geschichte

FrĂŒhe Geschichte

Der Kraichgau zĂ€hlt zu den Ă€ltesten KulturrĂ€umen Europas. In diesem Gebiet war schon vor ĂŒber einer halben Million Jahren ein entfernter Verwandter des modernen Menschen, der Homo heidelbergensis zu Hause. Der Fund eines Unterkiefers in Mauer, zwischen Sinsheim und Heidelberg, aus dem Jahre 1907 sorgte weltweit fĂŒr Aufsehen; bis heute ist der Unterkiefer von Mauer das Ă€lteste Fossil der Gattung Homo, das jemals in Deutschland gefunden wurde.

Klimatische VerĂ€nderungen schufen im Laufe der nachfolgenden Jahrtausende eine hĂŒgelige Landschaft mit Lössböden, so dass der gesamte Kraichgau als Senke zwischen Odenwald und Schwarzwald zu den leicht bebaubaren und ohne Schwierigkeiten zu durchquerenden Siedlungsgebieten wurde. In die Jungsteinzeit und die Bronzezeit weisen viele Einzelfunde von beispielsweise Steinbeilen, Getreidereiben, Dolchklingen, Lanzenspitzen und bronzezeitliche Bestattungen. Weitere Spuren hinterließ auch der keltische Volksstamm der Helvetier, von dem Siedlungsspuren aus der Zeit um 400 v. Chr. existieren.

Besonders die Römerzeit hinterließ nachhaltige Spuren. Zahlreiche Funde zeugen von der Bedeutung dieses Raumes als Hinterland des Obergermanisch-Raetischen Limes wĂ€hrend der römischen Besetzung. Ein eindrucksvolles Beispiel gallo-römischer Kunst stellt die höchste JupitergigantensĂ€ule SĂŒddeutschlands dar, die 1959 in Steinsfurt zutage kam.

Von den landsuchenden GermanenstĂ€mmen drangen in der Folgezeit besonders Kimbern, Teutonen und Sueven nach SĂŒdwestdeutschland vor. Sesshaft wurden seit 260 die Alemannen (Spuren östlich von Sinsheim), zu deren Siedlungsgebiet der Kraichgau etwa bis zum Jahre 500 gehörte. Die Alemannen gerieten in Konflikt mit dem FrĂ€nkischen Reich, da sie ihr Gebiet nach Westen und Nordwesten ausdehnen wollten. Aus der entscheidenden Schlacht von ZĂŒlpich 496/497 gingen die Franken als Sieger hervor. SpĂ€testens nach einem gescheiterten Aufstand der Alemannen 506/507 mussten sie ihr bisheriges Herrschafts- und Siedlungsgebiet an die Franken abtreten.

In der frĂŒhen frĂ€nkischen Merowingerzeit wurden im Kraichgau vor allem die großen BachtĂ€ler besiedelt. Dort dĂŒrften auch wichtige Fernverbindungen verlaufen sein, da nur in den BachtĂ€lern des Kraichgau eine weitgehend ebene Ost-West-Passage zwischen dem Odenwald im Norden und dem Schwarzwald im SĂŒden möglich ist. Eine großflĂ€chige RodungstĂ€tigkeit setzte ebenfalls lĂ€ngs der BachtĂ€ler ein. SpĂ€tere SiedlungsgrĂŒndungen fanden im Wesentlichen nur mehr dort statt, wo zwischen den Siedlungsschneisen der BachtĂ€ler noch genĂŒgend FlĂ€che zur VerfĂŒgung stand.

Der Kraichgau als Gaugrafschaft im hohen Mittelalter

Der Kraichgau als frĂ€nkische Gaugrafschaft wurde erstmals im 8. Jahrhundert im Lorscher Codex als Craichgoia urkundlich dokumentiert. Die Grafen wurden vom König bzw. Herzog als Stellvertreter eingesetzt, wobei sich die Grenzen der Verwaltungsbezirke im Wesentlichen an den NaturrĂ€umen orientierten, ein Graf aber auch gleichzeitig die Vormacht ĂŒber verschiedene Gaue haben konnte. So zĂ€hlte z. B. der Anglachgau verwaltungstechnisch immer zum Kraichgau, vom spĂ€ten 10. bis spĂ€ten 11. Jahrhundert wurden Anglach-, Elsenz-, Gartach- und Kraichgau jeweils von denselben WĂŒrdentrĂ€gern verwaltet. Zu jener Zeit war wohl die Großmotte Wigoldesberg bei Östringen-Eichelberg zentraler Verwaltungssitz. Bis zum frĂŒhen 12. Jahrhundert war der Grafentitel immer an eine Person gebunden und nicht erblich, wurde dann aber einhergehend mit schwindender Macht der Grafen zum erblichen Titel.

Als einer der frĂŒhen Kraichgaugrafen wird Gerold (* um 730; † um 784/786) genannt. Er war Kraichgaugraf ab spĂ€testens 777 bis um 784/786. Der Sohn eines frĂ€nkischen Grafen und Mitglied der frĂ€nkischen Reichsaristokratie war mit Imma, Tochter des alemannischen Herzogs Hnabi, verheiratet und Vater von Hildegard, der Ehefrau Karls des Großen. Der Kraichgaugraf Sieghard, der von 858 bis 861 genannt wird, war Stammvater der Sieghardinger.

Otto von Worms (* um 948; † 1004) war 956 Graf im Nahegau, Graf im Speyergau, Wormsgau, Elsenzgau, Kraichgau, Enzgau, Pfinzgau und Ufgau. Er wurde 978 Herzog von KĂ€rnten und war Thronkandidat bei der Königswahl von 1002. Er gilt um das Jahr 1000 als GrĂŒnder des Stifts Sinsheim. Im Amt nachgefolgt könnte ihm sein Sohn Konrad († 1011) sein, möglicherweise aber auch bereits ein Vertreter der Zeisolf-Wolframe, da die Grafen Zeisolf (vermutlich der 1008 belegte Wormsgau-Graf Zeisolf II.) und Wolfram (vermutlich der 987 bis 1006 als Graf des Speyergaus auftretende Wolfram I.) schon 1001 beim Gerichtstag in Verona als Zeugen Ottos erscheinen. FĂŒr das Kraichgau ist ein Wolfram mehrfach zwischen 1024 und 1056 belegt. Ab 1065 folgte ihm Engelbert I. von Spanheim. 1067 wird das Eigengut eines Grafen Zeisolf in Sinsheim erwĂ€hnt.

FĂŒr das Jahr 1100 wird mehrfach ein Graf Bruno genannt, der in Ă€lterer Literatur irrtĂŒmlich mit Erzbischof Bruno von Trier gleichgesetzt wird. Beim Grafen Bruno könnte es sich vielmehr um den 1102 genannten Straßburger Vogt Bruno handeln, der aufgrund seiner nachgewiesenen Aufgaben möglicherweise der im Kraichgau begĂŒterten Familie der Michelbach-Steinsberger entstammte. Jener Bruno vereinte letztmals die Grafschaften in Anglach-, Elsenz-, Gartach- und Kraichgau auf sich.

UngefĂ€hr um 1103 kamen Anglach- und Kraichgau wohl an die Grafen von Lauffen. Zwar fehlt ein direkter urkundlicher Beweis, doch ging die Großmotte Wigoldesberg bis 1123 von den erloschenen Zeisolf-Wolframen an die Lauffener ĂŒber, wĂ€hrend die Grafschaft gleichzeitig ihren Namen zu Grafschaft Brettheim wechselte, womit sich der Hauptverwaltungssitz wohl in die zentraler gelegene Burg der Lauffener im BurgwĂ€ldle bei Bretten verlagert hatte. Im April 1138 wurde Heinrich von Katzenelnbogen von König Konrad III. zum Grafen des Kraichgaus ernannt. Auf dieser Standeserhöhung basiert der Titel der Grafen von Katzenelnbogen. In den Folgejahren sank der Einfluss der Kraichgaugrafen, genannt werden 1179 Berthold I. von Katzenelnbogen, 1237 Simon von Katzenelnbogen und 1268 Dieter von Katzenelnbogen.

Kraichgauer Ritterschaft

Bedeutende Regionalherren waren bereits im Hochmittelalter die Göler von Ravensburg und die Grafen von Eberstein, die ab Ende des 11. Jahrhunderts bedeutende BesitztĂŒmer im Kraichgau hatten und auch verantwortlich fĂŒr die StadtgrĂŒndungen von Bretten und Gochsheim um 1250 waren.

Ab dem spÀten Mittelalter traten auch reichsritterliche Familien wie die Herren von Gemmingen, die Herren von Neipperg, die Herren von Helmstatt, die Herren von Venningen und die Herren von Mentzingen in Erscheinung, die sich im 16. Jahrhundert dem SchwÀbischen Ritterkreis als dessen Ritterkanton Kraichgau anschlossen, der seinen Sitz erst in Wimpfen, ab 1619 in Heilbronn hatte.

Die BrĂŒder Dietrich († 1526), Wolf († 1555) und Philipp von Gemmingen († 1544) fĂŒhrten ab 1522 als erste ihres Standes die Reformation im Kraichgau ein. Der Kraichgauer Adel mit seinen zersplitterten BesitzverhĂ€ltnissen wandte sich danach mehrheitlich den Lehren Luthers zu, so dass die Kraichgau-Gemeinden ĂŒberwiegend protestantisch geprĂ€gt sind.

Die Region weist eine außergewöhnlich hohe Dichte von adligen Familien auf, insgesamt sind mehr als einhundert Geschlechter bekannt. Sebastian MĂŒnster nannte den Kraichgau 1550 das „Land der Edelleut“. Franz Josef Mone (1796–1871), der erste Direktor des Generallandesarchivs in Karlsruhe, zĂ€hlte 109 adlige Familien.

Nach der VerwĂŒstung des Landes im DreißigjĂ€hrigen Krieg trachtete die Kraichgauer Ritterschaft nach einer raschen Wiederbesiedlung, um neue Untertanen zu gewinnen und damit weiterhin ein Steuereinkommen zu haben. Unter den Neusiedlern bildeten Schweizer aus den Kantonen ZĂŒrich und Bern die grĂ¶ĂŸte Gruppe. Der großteils zur damals calvinistischen Kurpfalz zĂ€hlende Kraichgau war fĂŒr die zumeist aus wirtschaftlichen GrĂŒnden auswandernden Schweizer das nĂ€chstgelegene reformierte Gebiet nördlich der Alpen. In die Zeit nach dem DreißigjĂ€hrigen Krieg fĂ€llt auch die Ankunft einiger neu im Kraichgau auftretender, katholischer Adelsfamilien wie der Grafen von Wiser oder der Grafen von Yrsch, die von der im Laufe der zahlreichen Konfessionswechsel zeitweise wieder katholisch gewordenen Kurpfalz mit den frei gewordenen Lehen ausgestorbener angestammter Familien begĂŒtert wurden und die bei der Wiederbesiedlung der verwĂŒsteten Orte Neusiedler katholischer Herkunft bevorzugten und nachdrĂŒcklich die Rekatholisierung vorantrieben. Bei der Herkunft und den VermögensverhĂ€ltnissen der Neusiedler war man jedoch unter beiden Konfessionen wenig wĂ€hlerisch, doch kam es nicht zur Ausbildung von Armenkolonien, wie sie sich in Schwaben unter den gleichen UmstĂ€nden entwickelten. Im Gegensatz zu den meisten umliegenden Herrschaften konnten sich auch Juden gegen Schutzgeld in vielen Ritterdörfern des Kraichgaus ansiedeln. Diese lebten dann verstreut unter der Bevölkerung oder in bestimmten Wohnbereichen, es gab jedoch keine ausgesprochene Ghettobildung.

Die Kraichgauer Ritter konnten zwar ihre Reichsunmittelbarkeit gegen die Interessen des aufstrebenden FlĂ€chenstaats WĂŒrttemberg, der Markgrafschaft Baden, des Hochstifts Speyer und der Kurpfalz verteidigen, doch mit der Mediatisierung nach dem Reichsdeputationshauptschluss 1803 wurden die RitterverbĂ€nde aufgelöst und die reichsritterlichen Territorien im Kraichgau wurden grĂ¶ĂŸtenteils dem neu gegrĂŒndeten Land Baden zugeschlagen.

Die grundherrlichen Rechte (Grundherrschaft) entfielen zumeist durch Freikauf in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Gleichwohl lag weiterhin viel Grundbesitz bei den Nachfahren des Kraichgauer Adels, was noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg an einigen großen HofgĂŒtern wie in Grombach oder Eichtersheim zu erkennen war. Viele ehemals ritterschaftliche HofgĂŒter wurden erst in jĂŒngerer Zeit aufgegeben oder verpachtet. Als bedeutender PĂ€chter ehemals ritterschaftlicher GĂŒter ist insbesondere die SĂŒdzucker zu nennen. Von den erhaltenen Burgen und Schlössern, deren Ă€lteste wohl aus dem frĂŒhen 13. Jahrhundert, die jĂŒngsten aus der Zeit um 1900 stammen, gelangten einige in Gemeinde- und sonstigen öffentlichen Besitz und dienen heute als RathĂ€user oder Sitz staatlicher oder öffentlicher Verwaltungen. Einige Nachfahren der Kraichgauer Ritterschaft wie die Neipperg und die Gemmingen besitzen jedoch bis heute noch zahlreiche Burgen, Schlösser und LĂ€ndereien.

Der Kraichgau seit dem Ende der Reichsritterschaft

Nach dem Ende der Reichsritterschaft und der Auflösung des Ritterkantons Kraichgau trat der Begriff Kraichgau zunĂ€chst in den Hintergrund und bezeichnete in der Mitte des 19. Jahrhunderts lediglich noch die Gegend des badischen Amtsbezirks Bruchsal. Der Naturraum dagegen wurde als Enz-, Pfinz- und Kraichgauer HĂŒgelland, Neckarplateau oder NeckarhĂŒgelland bezeichnet. Erst die Geografen Friedrich Ratzel und Friedrich Metz bezeichneten ab 1900 wieder das gesamte HĂŒgelland zwischen Neckar, Enz und Rhein als Kraichgau. Diese Bezeichnung fĂŒr die rund 1600 Quadratkilometer große naturrĂ€umliche Einheit wurde auch durch die Bundesanstalt fĂŒr Raumforschung (heute: Bundesamt fĂŒr Bauwesen und Raumordnung) zwischen 1957 und 1963 bei der Raumgliederung der Bundesrepublik Deutschland ĂŒbernommen.

JĂŒdisches Leben im Kraichgau

Der Kraichgau wies seinerzeit die grĂ¶ĂŸte Dichte an jĂŒdischen Gemeinden in Baden auf; in einzelnen Gemeinden war bis zu ein Drittel der Gesamtbevölkerung jĂŒdischen Glaubens. Vor allem im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert prĂ€gten so die Menschen jĂŒdische Glaubens das kulturelle und wirtschaftliche Leben im Kraichgau mit, davon zeugen heute z. B. der grĂ¶ĂŸte sĂŒddeutsche jĂŒdische Verbandsfriedhof bei Bad Rappenau, der JĂŒdische Friedhof Heinsheim, der jĂŒdische Friedhof in Waibstadt oder aufgelassene, aber noch vorhandene Synagogen wie die in Heinsheim oder Sinsheim-Steinsfurt.

Landwirtschaft

Der Kraichgau gilt durch seinen Lössboden, der durch eiszeitliche Ablagerungen entstand, als besonders fruchtbar und zĂ€hlt daher zu den Kornkammern SĂŒddeutschlands. Auch Obst- und Weinanbau (insb. auf den Keuperhöhen um Sinsheim und Sulzfeld) sind weit verbreitet. Ebenso werden Kartoffeln, ZuckerrĂŒben und Tabak angebaut. Insbesondere mit Tabakanbau und der GrĂŒndung zahlreicher kleiner Zigarrenfabriken im Kraichgau haben die ansĂ€ssigen Bauern im 19. Jahrhundert versucht, der vorherrschenden Armut in weiten Teilen der Gegend zu entfliehen, wegen der es mancherorts zu starker Auswanderung kam.

Eine typische Erscheinung im Kraichgau sind auch die traditionsreichen BauerngĂ€rten. Über Jahrhunderte wurde in und an ihnen gearbeitet, bis sie ihre heutige Pracht entfaltet hatten. Die ersten BauerngĂ€rten waren von den Germanen angelegt worden und waren komplett auf Nutzen ausgelegt. Es wurden verschiedene GemĂŒse, vielfĂ€ltige GewĂŒrze, Arzneipflanzen (vor allem Salbei), aber auch wenige Zierpflanzen angebaut.

Der Kraichgau blieb bis in die jĂŒngste Vergangenheit stark landwirtschaftlich geprĂ€gt, wobei kleinbĂ€uerliche Betriebe und durch Realteilung in der Landwirtschaft stark zersplitterter Grundbesitz bis zu den beginnenden Flurbereinigungen in den 1950er Jahren charakteristisch waren. Industrie siedelte sich zunĂ€chst nur in den Grenzregionen des Kraichgau an, wegen der NĂ€he zu den grĂ¶ĂŸeren StĂ€dten. Bedeutende wirtschaftliche Impulse gingen erst vom Ausbau der Bundesstraßen und Autobahnen in den 1960er Jahren aus.

Schutzgebiete

Im Kraichgau liegen zahlreiche Natur- und Landschaftsschutzgebiete. Drei Landschaftsschutzgebiete sind nach dem Kraichgau benannt:

  • LSG Kraichgau (Nr. 2.15.038) zwischen Ubstadt-Weiher und Sulzfeld. Das Gebiet ist 4086,2 Hektar groß und wurde durch Verordnung des Landratsamts Karlsruhe vom 3. Juni 1987 gebildet.
  • LSG Brettener Kraichgau (Lohnwald und Talbachniederung Neibsheim, Kuckucksberg und Aspe BĂŒchig, Waldwingert Bauerbach, Großmulte Gölshausen, Weinberg DĂŒrrenbĂŒchig, Sprantal und Salzachtal Ruit) (Nr. 2.15.070). Mehrere Teilgebiete rund um Bretten mit 529,2 Hektar, Verordnung des Landratsamts Karlsruhe vom 14. Juli 2006.
  • LSG Westlicher Kraichgau (Nr. 2.26.046) bei Rauenberg im Rhein-Neckar-Kreis. Das Gebiet mit 930,0 Hektar entstand durch Verordnung des Landratsamts Rhein-Neckar-Kreis vom 16. September 2002.

Schutzzweck ist in allen FĂ€llen die Erhaltung der typischen Kraichgaulandschaft mit sanften LĂ¶ĂŸhĂŒgeln, einem ausgeprĂ€gten Talsystem, steilen KeuperhĂ€ngen, zahlreichen geomorphologischen GelĂ€ndekleinformen wie Hohlwegen, Terrassen und Böschungen, einer vielfĂ€ltigen Landnutzung mit Ackerbau, GrĂŒnlandwirtschaft, Weinbau, Obstbau und Wald sowie zahlreichen in die Feldflur eingestreuten VorwĂ€ldern, EinzelbĂ€umen, Feldgehölzen, Feldhecken, GebĂŒschen, Gras-KrautsĂ€umen und Magerrasen. Außerdem sollen die speziellen LebensrĂ€ume der zum Teil gefĂ€hrdeten heimischen wildlebenden Tiere und Pflanzen erhalten werden.

Eisenbahn

Mit der Schnellfahrstrecke Mannheim–Stuttgart, der WĂŒrttembergischen Westbahn, der Bahnstrecke Karlsruhe–MĂŒhlacker, der Kraichgaubahn und der Elsenztalbahn ist der Kraichgau wie kaum eine andere lĂ€ndliche Gegend in Deutschland von Hauptbahnen durchzogen.

DarĂŒber hinaus verlaufen im Kraichgau als Nebenbahnen die Katzbachbahn (Bruchsal–Odenheim(–Hilsbach)), die Kraichtalbahn (Bruchsal–Menzingen), die Bahnstrecke Meckesheim–Neckarelz und die Bahnstrecke Steinsfurt–Eppingen. Auf der Krebsbachtalbahn (Neckarbischofsheim Nord–HĂŒffenhardt) ist der normale Personenverkehr eingestellt. Ein Museumsbahnbetrieb besteht aktuell auch 2013 an Sonn- und Feiertagen zwischen 1. Mai und 20. Oktober siehe Krebsbachtalbahn. Beide Äste der Bahnstrecke Wiesloch–Meckesheim/Waldangelloch sind vollstĂ€ndig abgebaut.

Literatur

Zur literarischen Rezeption des Kraichgaus siehe auch: Kraichgau-Bibliothek Gochsheim

  • Thomas Adam: Der Kraichgau. Eine kleine Geschichte. (Regionalgeschichte – fundiert und kompakt), 3., aktualisierte Auflage, Lauinger-Verlag, Karlsruhe 2017, ISBN 978-3-7650-8433-1
  • David ChytrĂ€us: Über den Kraichgau. Rostock 1561 (lat. De craichgoia oratio)
  • Ludwig H. Hildebrandt (Hrsg.): ArchĂ€ologie und WĂŒstungsforschung im Kraichgau. (Hrsg. vom Heimatverein Kraichgau e. V., Sonderveröffentlichung Nr. 18). Verlag regionalkultur, Ubstadt-Weiher 1997. ISBN 978-3-929366-34-1
  • Ludwig H. Hildebrandt: Die Grafschaften des Elsenz- und Kraichgaus im hohen Mittelalter, ihre Grafen und deren Burgensitze mit spezieller BerĂŒcksichtigung von Bretten. In: Brettener Jahrbuch fĂŒr Kultur und Geschichte. NF 5. Bretten 2008, S. 55–85. 
  • Wolfgang Martin: Umfang und Wesen des „Kraichgaus“ im hohen Mittelalter. In: Brettener Jahrbuch fĂŒr Kultur und Geschichte 1964/65, Bretten 1964, S. 19–27
    • Umfang und Wesen des Kraichgaus im spĂ€ten Mittelalter. In: Brettener Jahrbuch fĂŒr Kultur und Geschichte 1967, Bretten 1967, S. 125–134
  • Arnold Scheuerbrandt: Der Kraichgau – Naturraum oder Kulturraum? In: Heimatbote Bad Rappenau Nr. 14, Bad Rappenau 2003
    • Reichsritterorte im Kraichgau. In: Heimatbote Bad Rappenau Nr. 15, Bad Rappenau 2004
  • Roland Thomann: Schicksal einer Landschaft. Ein Lesebuch zur Geschichte des Kraichgaus und seiner Orte. verlag regionalkultur, Ubstadt-Weiher 1999. ISBN 978-3-929366-21-1
  • Ludwig Vögely: Das Leben im Kraichgau in vergangener Zeit. Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher 1997, ISBN 3-929366-56-8.
    • Kraichgauer Gestalten. 36 historische Persönlichkeiten aus Politik, Kirche, Wissenschaft und Kunst. Verlag Regionalkultur, Ubstadt-Weiher 1994, ISBN 3-929366-07-X.

Weblinks

  • Naturraumsteckbrief Kraichgau (125) – LUBW (PDF; 10,7 MB; Hinweise)
  • Lösslandschaft Kraichgau (Umweltinformationssystem Baden-WĂŒrttemberg)
  • Kraichgauwortschatz MundartausdrĂŒcke aus dem Kraichgau
  • JĂŒdisches Leben im Kraichgau
  • Aufsatz von Klaus Graf zur regionalen IdentitĂ€t

Einzelnachweise



Quelle: Wikipedia
 

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Staaten die sich in dieser Gebirgsgruppe befinden (1):
Deutschland Deutschland

Ausdehnung / Grenzen (nach WGS 84 dezimal):
nördlichster Punkt: 49.386452
südlichster Punkt: 48.866070
westlichster Punkt: 8.457756
östlichster Punkt: 9.201565


Das Gebirge hat eine Fläche
von etwa
1556 km²

Die Länge der Grenze
beträgt ca.
219 km
 
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