Beschreibung der Tour:
Ich möchte hier über ein eigenes Erlebnis in den Ötztaler Alpen berichten. Es handelt sich um die Überschreitung der Winnebachspitze in Gries bei Längenfeld im Ötztal. Dieser Berg ist in Bergsteigerkreisen sicher nicht besonders bekannt und wir auch sehr selten begangen. Die Winnebachspitze ist dennoch ein sehr interessanter Gipfel mit herrlicher Aussicht. Die Schwierigkeiten der Tour sind alpinistisch nicht sehr hoch, doch ist auf jeden Fall Gletscherausrüstung zu empfehlen.
Die Geschichte
Nach einigen Jahren Urlaub in Gries erfüllten sich mein Vater und ich im Jahre 1990 einen lange ersehnten Wunsch. Die Besteigung der recht schwierigen Winnebachspitze, welche vom Dorf aus immer im Blick ist.
Die Vorbereitung:
In den ersten Tag des Aufenthalts liefen wir ein paar einfache Touren, um uns zu akklimatisieren. Dann war es soweit, am nächsten Tag sollte es losgehen. Ich konnte vor Aufregung kaum einschlafen, tat es aber dann wohl doch.
Ich wurde am Morgen von meinem Vater geweckt. Es war 4.30 Uhr! Am Abend vorher hatten wir uns an der Rezeption des netten Hotels in dem wir wohnten Brote besorgt, die wir jetzt aßen. Nachdem wir gefrühstückt hatten, schmierten wir uns Brote mit Wurst für unterwegs. Mein Vater überflog noch einmal schnell die Angaben des Bergführers über die Besteigung. Es waren zwar wenige Informationen, aber sie reichten zusammen mit denen eines Einheimischen. Nun hatten wir folgende Informationen: 3-4 Stunden Aufstieg, schwierig, keine Wegmarkierungen, 2 Stunden Abstieg; den Fahrweg Richtung Sulztalalm bis zu einem kleinen Trampelpfad, der rechts steil in den Wals führt; dann Richtung eines schwarzen Punktes auf einer Wiese; von dort ein wenig klettern und dann steil über Geröllfelder, Rinnen und Hänge zum Gipfelkreuz.
Wie kontrollierten noch einmal die Rucksäcke, ob alles nötige vorhanden war. Da waren unsere Steigeisen, Pickel, Handschuhe, Klettergurte, Seil, Sonnenbrillen und für den Notfall noch Eisschrauben und Wärmedecken für den Gletscher. Der Rest war das übliche: 2 Stöcke von meinem Vater, Essen, Trinken, je ein Paar frische Socken , je ein frisches T-Shirt, unsere Regenjacken, Gamaschen, Sonnencreme, Sonnenhut und Sonnenschutzstift für die Lippen. Es war also alles da. Wir konnten bzw. wollten losgehen.
Das Warten:
Doch dann stellten wir mit Entsetzen fest, dass der Schuhraum, in dem wir am Abend vorher unsere Bergschuhe stellten, verschlossen war! Nun überlegten wir, ob wir die ganze Angelegenheit vergessen sollten oder warten bis die Hausmeisterin aufstand. Wir entschieden uns für letzteres. Es begann eine schier endlose Warterei. Wir hatten die Rucksäcke in den Eingang gestellt und gingen in der Eingangshalle, dem einzigen offenen Raum, auf und ab. Plötzlich hörten wir Türen schlagen und wenig später, dass jemand die Treppe herabstieg. Waren wir froh, doch es war über eine Stunde vergangen, so dass unser Zeitplan jetzt um 1 Stunde zurückgestellt wurde. Dies wäre grundsätzlich noch kein Problem gewesen, wenn wir nicht dem Rest der Familie, die mit uns in Urlaub war nicht gesagt hätten, dass wir in etwa gegen 12 Uhr an der Winnebachseehütte wären, an der wir beim Abstieg vorbeikommen wollten, um sie zu treffen. Das heißt die anderen würden auf uns warten müssen, und sich eventuell Sorgen machen, da wir nicht rechtzeitig zurückkämen.
Der Aufstieg:
Wir gingen also mit 1 Stunde Verspätung um 6 Uhr los und beeilten uns auch ein wenig, um etwas Zeit reinzuholen. Schnell gingen wir das flache Stück in Richtung Brücke, von wo der Trampelpfad abgehen sollte. Doch nach 20 Minuten dort angekommen, konnten wir keinen solchen Pfad entdecken und daher blieb uns nichts anderes übrig als uns querfeldein durch Tannen und Gebüsch zu schlagen. Es war noch kühl und der Reif lag noch auf den Blättern und dem Gras, so dass wir schnell nasse Füße bekamen. Als wir endlich eine Lichtung erreichten, sahen wir in einiger Entfernung den schwarzen Punkt, zu welchem wir ja mussten. Nach hartem Kampf steil bergauf waren wir endlich auf der Wiese angekommen. Auf dieser einsamen Wiese entdecken mein Vater und ich sogar ein seltenes Edelweiß. Wir suchten auf der noch rutschigen Wiese eine Stelle, an der wir am besten über das Stück kamen, in dem ein bisschen geklettert werden musste. Nach einigem Suchen hatten wir eine geeignete Stelle gefunden, an der wir die Passage überqueren konnten. Nach ca. 2,5 Stunden waren wir über die Stelle hinweg und konnten zum ersten Mal das Gipfelkreuz sehen, welches jedoch noch 1000 von den 1500 Höhenmetern über uns lag. Nun lag also noch einmal die doppelte Strecke steilen Aufstiegs zum Gipfel vor uns. Und unmittelbar sahen wir uns einer 60° steilen grasbewachsenen Wand gegenüber die es zu besteigen galt. Wir machten uns also an den Aufstieg. Wir versuchten immer noch zügig zu gehen, um die Stunde aufzuholen, die wir zu spät losgingen, doch das änderte sich nachdem die Sonne hinter den Gipfeln aufging. Nun mühten wir uns ab und schwitzten uns fast leer. Als der Durst zu stark wurde machten wir dann auf etwa 2600m Höhe eine Rast, um etwas zu trinken. Auf einmal hüpften eine paar hühnerähnliche Tiere um uns herum, und mein Vater erklärte mir, dass es die vom Aussterben bedrohten Auerhähne wären. Nach einer 10-minütigen Pause marschierten wir schwerfällig weiter. Nach Überquerung von zwei Steinrinnen und einigen Gletscherbächen sahen wir das Gipfelkreuz in 100m Entfernung, und plötzlich hatte man das Gefühle, man könnte ganz einfach so zum Kreuz laufen. Da hatten wir uns jedoch geirrt. Dieses letzte Stück zum Gipfel war genauso foltermäßig, wie die 4 Stunden davor.
Der Gipfel:
Nach 5 harten Stunden kamen wir dann voller Erschöpfung oben an. Doch es hatte sich gelohnt! Bei stahlblauem Himmel saßen wir auf einem grandiosen Aussichtspunkt. Ich glaube mein Vater hätte 100 Filme verknipsen können. Dann holte ich das Gipfelbuch und sah, mit Begeisterung, dass WIR die Erstbesteiger in diesem Jahr waren!
Der Abstieg:
Nach einem leckeren Brot, etwas Tee und diesem einmaligen Erfolgserlebnis machten wir uns auf den mit 2 Stunden angegebenen Abstieg zur Winnebachseehütte, der anfangs flach auf einem Grat verläuft, jedoch sehr steil zu beiden Seiten abfällt. Fast laufend erreichten wir die Stelle, an der wir auf den Gletscher wechseln mussten. Dort zogen wir Klettergurt, Steigeisen und Sonnenbrille an, banden uns sicherheitshalber ins Seil ein, damit, falls jemand stürzen sollte, ihn der andere halten könnte. Als alles erledigt war, nahmen wir jeder je einen Eispickel und einen Skistock in die Hände und marschierten los. Mein Vater meinte, ich sollte auf eine bestimmte Stelle auf der anderen Seite des Gletschers zugehen, damit wir von dort auf den nächsten Gletscher kommen und von da auf den markierten Weg zur Hütte, wo die anderen warten würden. Ich ging also in mäßigem tempo vor und hinter mir, in einer Entfernung von 20m, mein Vater, eingebunden ins andere Seilende. An der gegenüberliegenden Seite des Gletschers angekommen, mussten wir noch ein Stück durch Schotter hinaufklettern, um auf die Scharte zu kommen, die die beiden Gletscher miteinander verbindet.
Oben angekommen erlebten wir jedoch eine böse Überraschung. Wir hatten uns vergangen! Leider brachten wir das aber erst in Erfahrung, nachdem wir schon wieder im Tal waren...
Vor bzw. unter uns lag ein 30m langer Kamin, der runter zum Gletscher führt. Uns blieb also nichts anderes übrig als ungesichert diesen Schacht mit Steigeisen abzuklettern. Da wir ungesichert klettern mussten, war die Gefahr groß, dass einer von uns stürzte. Es passierte aber trotz dicken Rucksacks auf dem Rücken und Eispickel in der Hand nichts, und wir konnten unten angekommen mit einem kleinen Sprung über die Randkluft auf den nächsten Gletscher gelangen. Nun gingen wir in einem Höllentempo in einem Bogen um eine Spalte in Richtung markierter Weg. Nach 3,5 Stunden endlich wieder auf einem markierten Weg zu gehen, war erleichternd für uns beide.
Wir zogen nur die Steigeisen aus, damit wir möglichst schnell zur Hütte kamen, wo sicher schon auf uns gewartet würde. Vor uns lag noch ein halbstündiger Abstieg durch Geröll zur Hütte. Wir rannten förmlich den Weg hinunter, mit Sonnenbrille, Pickel, Skistock und immer noch ins Seil eingebunden, was die Sache erheblich erschwerte, da wir beide das gleiche Tempo laufen mussten.
Das Wiedersehen:
Auf der Hütte wurden wir schon sehnlichst erwartet, da wir uns um 2,5 Stunden verspätet hatten!
An der schönen Winnebachseehütte setzen wir uns dann zusammen mit den anderen an den See, zogen unsere Durch und durch nassen Schuhe und Socken aus und legten uns in die Sonne. Nach 1 Stunde Rast beschlossen wir dann ins Tal nach Gries abzusteigen und im Hotel eine Runde schwimmen zu gehen. Alle waren einverstanden, also machten wir uns auf den Weg. Nach 2 Stunden waren wir im Hotel angelangt und zogen unsere Schuhe aus und ließen unsere Füße ein wenig vor sich hin dampfen. Dann legten mein Vater und ich uns hin um ein wenig zu schlafen. Den Schlaf hatten wir uns auch verdient, nach 12h nervenaufreibendem Bergsteigen.
Zusatzinformationen / persönliche Anmerkungen:
Schlusswort
Für mich wird dies immer ein unvergessliches Erlebnis in den Bergen bleiben.
Der Originaltext stammt aus einem Aufsatz den ich in der 10. Klasse (15-jährig) geschrieben habe...